Die wohl bekannteste Persönlichkeit der katholischen St. Joseph Gemeinde war Pfarrer Ludwig Kirsch. Am 9. Dezember 1891 wurde den Eheleuten Hedwig und Alexander Kirsch in der Dresdner Johannesstraße 23 ein Sohn geboren. Einige Zeit später ließen sie ihn in der Hofkirche auf den Namen Ludwig Anselm Alexander taufen.
Taufstein in der Dresdner Kathedrale
Schon bald nach der Einschulung in eine Schule im Wohnumfeld bemerkten die
Eltern, dass ihr Sohn hochbegabt ist und so wechselte er 1902 an das katholische
Progymnasium Dresden.
1904, im Alter von 13 Jahren, trat Ludwig Kirsch in das Wendische Gymnasium Prag
ein. Dieses Gymnasium auf der Prager Kleinseite stellte eine Art
sächsisch–katholische Enklave dar, da eine Priesterausbildung im Land Sachsen
auf Grund der geschichtlichen Entwicklung nicht möglich war.

Ehemaliges Wendisches Seminar in Prag
Nach dem Abschluss mit einem ausgezeichneten Abitur wurde er an der Karolina,
der altehrwürdigen Karlsuniversität, immatrikuliert und begann 1910 sein Studium
der Theologie. In Prag trat er der Katholischen Deutschen Studentenverbindung
KDStV Ferdinandea (im CV) bei, der er zeitlebens treu blieb und damit letztlich
die Brücke zur Gründung der KSG (Katholische Studentengemeinde) schlug, die die
CV-Traditionen weiterführte. Im Jahr 1913 wechselte er zum
Abschluss des Theologiestudiums nach Paderborn und erhielt dort am 3. August
1914 durch Bischof Schulte die Priesterweihe. Wenige Tage später hält Kirsch die
Primiz in der Dresdner Hofkirche.

Dresdner Hofkirche (Kathedrale)
Kurze Zeit später trat Kirsch seine erste Stelle als Kaplan in der Leipziger Pfarrkirche St. Marien im Stadtteil Lindenau an. Der erste Weltkrieg, dem viele noch euphorisch gegenüber standen, hatte eben begonnen, als er seine Arbeit in dieser Gemeinde begann. Es war eine der typischen Arbeitergemeinden dieser Zeit. Der Krieg und die daraus resultierenden sozialen und seelischen Nöte der Gemeindemitglieder prägten Ludwig Kirsch und weckten sein Interesse an Politik und sozialem Engagement.

Liebfrauenkirche Leipig-Lindenau
Zu diesem Zeitpunkt begann er, seine Predigten akribisch
aufzuschreiben. Eine Eigenschaft, die er bis 1945 beibehielt. Diese Schriften
sind bis auf wenige Ausnahmen im Archiv Ludwig Kirsch erhalten.
Die Verkündigung als
missionarischer Auftrag in Wort und Tat war sein Anspruch zuerst an sich selbst,
aber auch an andere. Und er lebte ihn bis ins Konzentrationslager und die
Sowjetische Militäradministration hinein.

Kirschs Tagebücher
1919 wird er zum Expositus (dt.: „Hinausgeschickter“) in den Erzgebirgsort Bärenstein bei Annaberg berufen. Ein Empfang in der Diaspora fand nicht statt. Kein Dekan oder Erzpriester führte ihn feierlich ein. Er selbst ging von Haus zu Haus über die umliegenden Dörfer und stellte sich persönlich seiner neuen Gemeinde vor. In den 5 Jahren seines Wirkens sammelte er die verstreut lebenden Katholiken zu einer aktiven und selbstbewussten Gemeinde. Ergebnis war der Bau der Bonifatiuskirche an der Landstraße nach Karlsbad, der heutigen Bundesstraße 95.

Bonifatiuskirche Bärenstein
1924 berief ihn der Bischof zum Pfarrer der Gemeinde „St. Marien“ in Reichenbach / Vogtland. Dort konnte unter seiner Regie und seinem mitreißenden Enthusiasmus die Kirche umgebaut und neu gestaltet werden. Seine politische Tätigkeit nahm unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise, mit ihren verheerenden negativen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen stetig zu. Ludwig Kirsch entwickelte eigene Seelsorgekonzepte und versuchte, diese auch in der Reichenbacher Gemeinde umzusetzen. In der Zeit des ersten Demokratieversuchs, der Weimarer Republik, prägt er den Satz: „Es genügt nicht, demokratisch zu wählen. Unsere Aufgabe ist es, die Bürger zu Demokraten zu erziehen.“
St. Marien Reichenbach
Kirsch wurde Mitglied der Zentrumspartei und begann, politische Artikel in Zeitungen zu veröffentlichen. Das Zentrum trat in Sachsen als „Partei der Sozialreform“ auf und sprach besonders katholische Arbeiterkreise an. Als Landesvorsitzender der Zentrumspartei schrieb er Kolumnen und hielt begeisternde Reden, ohne seinen priesterlichen Dienst zu vernachlässigen. In seiner publizistischen Tätigkeit, insbesondere in der katholischen „Sächsischen Volkszeitung“, bezog Kirsch immer wieder kritisch Stellung zu aktuellen politischen Fragen und unterstützte Anfang der 1930er-Jahre den politischen Kurs seines Parteifreunds Reichskanzler Heinrich Brüning, der mittels Notverordnungen des Reichspräsidenten ein rigides Sparprogramm durchsetzte.

Sächsische Zeitungen
In der 1933 beginnenden NS
Diktatur wurden auch die Konturen seiner Predigten schärfer. Kirsch führte seine
kritische journalistische Tätigkeit nach 1933, auch als Leiter des
Presse-Apostolats im Bistum Meißen fort. 1943 wurde er zum Erwachsenenseelsorger
im Bistum und zum Bischöflichen Rat ernannt
Am 5. Mai 1935 übernahm er die Leitung der katholischen Kirchgemeinde St. Joseph
auf dem Sonnenberg in Chemnitz.

St. Joseph
Von Anfang an war er an guten Beziehungen zu anderen Gemeinden interessiert. So knüpfte er recht schnell positive Kontakte zu Rüdiger Alberti von der Evangelischen St. Markus Gemeinde und ebenfalls zu Pfarrvikar Gerhard Michael in Ebersdorf. Ein besonders intensives und freundschaftliches Verhältnis hatte er zu Albertis Nachfolger Pfarrer Hellner von St. Markus.
Schon früh hatte Kirsch erkannt, dass fehlende politische Aktivität die Freiheit der Religionsausübung in Sachsen behindert. Deshalb engagierte er sich in seinen Wirkungskreisen auch auf politischem Gebiet. In seiner Gemeinde war er Priester und gleichzeitig Ansprechpartner in politischen Fragen. Er wusste sehr bald in welche Richtung die Politik der Nationalsozialisten gehen sollte und setzte sich aktiv für die Zentrumspartei ein. Durch seine Artikel in der „Sächsischen Volkszeitung“ und seine Predigten geriet er immer mehr ins Visier der Nationalsozialisten. Schließlich wurde er am 3. September 1935 von der Gestapo verhaftet und im KZ Sachsenburg inhaftiert. Als Häftling Nr. 1648 geführt, verbrachte er dort einige Monate bis er Weihnachten des gleichen Jahres wieder freigelassen wurde und in seine Gemeinde nach Chemnitz zurückkehren konnte. Hier arbeitete er, von der Haft gezeichnet und unter Polizeiaufsicht stehend, unerschrocken weiter.
KZ Sachsenburg
Auch in dieser Gemeinde strebt er wieder Baumaßnahmen an. Im Herbst 1936 wurde
der Pfarrsaalbau begonnen und im Frühjahr 1937 geweiht, die Orgel ebenfalls 1937
gebaut. Der durch einen Sturm beschädigte Turm wurde eingerüstet und repariert.
Diese Investitionen stellen nicht nur einfach so Baumaßnahmen dar. Wer in Zeiten
der Diktatur baut, setzt auch Zeichen. Einen christlichen Versammlungssaal gegen
neu errichtete Parteitempel, eine neue Orgel gegen die Goebbelsharfen,
Pfarrsaalbau
Sehr intensiv kümmerte sich Kirsch um seine Pfarrjugend. Durch seine Arbeit und Lebensweise war er Vorbild für die Gemeinde und vor allem für die Jugendlichen. Viel Zeit hat er mit ihnen verbracht und sich ihrer Probleme angenommen. Zu Jugendlichen der Gemeinde, die sich außerhalb von Chemnitz aufhielten, pflegte er einen intensiven Briefkontakt. Kein einziger der ihm anvertrauten jungen Menschen und auch niemand sonst aus der Gemeinde hat sich den Nationalsozialsten angeschlossen.

Kirsch erlebte den zerstörerischen Angriff auf Chemnitz am 5. März 1945 selbst
im Pfarrhaus mit. Er setzte sich sehr für die durch Bomben obdachlos gewordenen
Menschen, so wie für die Ostvertriebenen ein. Not und Leid der Betroffenen
lindern zu helfen sah er als eine seiner wichtigsten Aufgaben. Er gab den
Menschen Obdach, Hilfe und Zuspruch, aber auch die Hoffnung auf ein neues,
besseres Leben.
Mit Kriegsende sammelte er treue Mitstreiter aus der Gemeinde um sich und
gründete die CVP (Christliche Volkspartei), welche wenig später in die CDU
umbenannt wurde. Auf Betreiben von Ludwig Kirsch persönlich wurde das Kreuz
Parteisymbol. Die Gemeindearbeit forderte alle Kräfte. Hunderte verließen in den
Kriegswirren und infolge Obdachlosigkeit durch Bombenangriffe die Gemeinde, da
sie bei Verwandten anderswo Unterschlupf finden konnten. Vertriebene aus den
ehemaligen deutschen Staatsgebieten Ostdeutschlands trafen in Chemnitz ein und
suchten eine neue Heimat. 1945 wurde Kirsch Kreisvorsitzender der CDU und 1946
Stadtverordneter. Im gleichen Jahr wählte man ihn in den Hauptvorstand der CDU
in der sowjetischen Besatzungszone.

Er plädierte für eine Politik des Brückenschlages zwischen Ost und West mit dem
Ziel eines geeinten Deutschlands. Das wiederum brachte ihm Konflikte mit der
neuen politischen Führung ein. Durch das Sprachrohr der SED, der “Volksstimme“
wurde er von Horst Sindermann ständig attackiert. Ungeachtet dessen arbeitete er
in seiner Gemeinde weiter, wurde Landtagsabgeordneter und in den Deutschen
Volksrat gewählt.
Als Ludwig Kirsch am 22. Januar 1950 starb, hinterließ er nicht nur in seiner
Gemeinde St. Joseph eine große Lücke. Mit seinem Tod hatte das Bistum
Dresden-Meißen einen treuen und engagierten Priester, das Land Sachsen einen
hervorragenden katholischen Politiker und die Ostzone einen entschiedenen
Streiter für die deutsche Einheit verloren.
Am Tag seiner Beerdigung läuteten die Glocken aller Chemnitzer Kirchen und mehr
als 1000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit.
Ihm zu Ehren wurde kurz nach seinem Tod die Alexanderstraße an der Kirche St.
Joseph in Ludwig-Kirsch-Straße umbenannt.
Trauerzug auf dem Chemnitzer Friedhof
Bildquellen: 1,
5,8,12,13, 14, 15, St. Joseph Chemnitz/Archiv Ludwig Kirsch
3 Dr. Geser
2 ,4, 6, 7, 9, 10, Sammlung Petra Habelt
Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage zu Ludwig Kirsch unter www.pfarrerludwigkirsch.de
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