Ludwig
Kirsch – Priester – Antifaschist - Politiker

Die wohl
bekannteste Persönlichkeit der katholischen St. Joseph Gemeinde war Pfarrer
Ludwig Kirsch. Der 1891 in Dresden geborene Kirsch erhielt nach seinem Studium
in Prag und Paderborn 1914 die Weihe zum katholischen Priester durch Bischof
Joseph Schulte. Sein priesterlicher Einsatz führte ihn von Dresden über Leipzig,
Bärenstein und Reichenbach schließlich nach Chemnitz. Am 5. Mai 1935 übernahm er
die Leitung der katholischen Kirchgemeinde St. Joseph auf dem Sonnenberg. Von
Anfang an war er an guten Beziehungen zu anderen Gemeinden interessiert. So
knüpfte er recht schnell positive Kontakte zu Rüdiger Alberti von der
Evangelischen St. Markus Gemeinde und ebenfalls zu Pfarrvikar Gerhard Michael in
Ebersdorf. Ein besonders intensives und freundschaftliches Verhältnis hatte er
zu Albertis Nachfolger Pfarrer Hellner von St. Markus.
Schon früh hatte Kirsch erkannt, dass fehlende politische Aktivität die Freiheit
der Religionsausübung in Sachsen behindert. Deshalb engagierte er sich in seinen
Wirkungskreisen auch auf politischem Gebiet. In seiner Gemeinde war er Priester
und gleichzeitig Ansprechpartner in politischen Fragen. Er erkannte sehr bald in
welche Richtung die Politik der Nationalsozialisten gehen sollte und setzte sich
aktiv für die Partei der Sozialreform Zentrum ein. Durch seine Artikel in der
Sächsischen Volkszeitung und seine Predigten geriet er immer mehr ins Visier der
Nationalsozialisten. Schließlich wurde er am 3. September 1935 von der Gestapo
verhaftet und im KZ Sachsenburg inhaftiert. Dort wurde er als Häftling Nr. 1648
geführt, bis er Weihnachten des gleichen Jahres wieder freigelassen wurde und in
seine Gemeinde nach Chemnitz zurückkehren konnte. Hier arbeitete er, von der
Haft gezeichnet und unter Polizeiaufsicht stehend, unerschrocken weiter.
Sehr intensiv kümmerte sich Kirsch um seine Pfarrjugend. Durch seine Arbeit und
Lebensweise war er Vorbild
für die Gemeinde und vor allem für die Jugendlichen. Viel Zeit hat er mit ihnen verbracht und sich ihrer Probleme angenommen. Zu Jugendlichen der Gemeinde, die sich außerhalb von Chemnitz aufhielten, pflegte er einen intensiven Briefkontakt. Kein einziger der ihm anvertrauten jungen Menschen und auch niemand sonst aus der Gemeinde hat sich den Nationalsozialsten angeschlossen.
Kirsch erlebte den zerstörerischen Angriff auf Chemnitz am 5. März 1945 selbst im Pfarrhaus mit. Er setzte sich sehr für die durch Bomben obdachlos gewordenen Menschen, so wie für die Ostvertriebenen ein. Not und Leid der Betroffenen lindern zu helfen sah er als eine seiner wichtigsten Aufgaben. Er gab den Menschen Obdach, Hilfe und Zuspruch, aber auch die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben.
Nach dem Krieg war Ludwig Kirsch Stadtverordneter und Mitbegründer der Chemnitzer CDU. Er plädierte für eine Politik des Brückenschlages zwischen Ost und West mit dem Ziel eines geeinten Deutschlands. Das wiederum brachte ihm Konflikte mit der neuen politischen Führung ein. Durch das Sprachrohr der SED, der “Volksstimme“ wurde er von Horst Sindermann ständig attackiert. Ungeachtet dessen arbeitete er in seiner Gemeinde weiter, wurde Landtagsabgeordneter und in den Deutschen Volksrat gewählt.
Als Ludwig Kirsch am 22. Januar 1950 starb, hinterließ er nicht nur in seiner Gemeinde St. Joseph eine große Lücke. Am Tag seiner Beerdigung läuteten die Glocken aller Chemnitzer Kirchen und mehr als 1000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit.
Ihm zu Ehren wurde 1950 die Alexanderstraße an der Kirche St. Joseph in Ludwig-Kirsch-Straße umbenannt.